Offener Brief an die Bundesregierung




Karlsruhe, den 24.05.2020





VERGISSMEINNICHT        

Ein Appell an die Regierung zur Unterstützung unabhängiger KulturdienstleisterInnen




Sehr geehrte Frau Staatsministerin Professor Monika Grütters, 

sehr geehrter Herr Minister Peter Altmaier,




heute wenden wir uns an Sie als junges Unternehmen aus dem Kunstbereich. Wir entwickeln interdisziplinäre und digitale Strukturen, um Kunst zu zeigen und Verkäufe und Kooperationen zu vermitteln. Wie denken an den Kunstmarkt von morgen und wollen Künstlerinnen und Künstler durch innovative und faire Strukturen (auch) in Zukunft ermöglichen von ihrem Beruf zu leben. Sie beide sitzen für uns an Entscheiderpositionen, denn wir wollen uns zum einen als junges Unternehmen verwirklichen und Innovation vorantreiben und zum anderen ist es unser Anliegen eine zukunftsfähige Kunst- und Kulturszene zu erarbeiten. In dieser unsicheren Zeit mussten wir leider wieder einmal feststellen, dass unser Vorhaben an der Schnittstelle zwischen Ihren beiden Ministerien vergessen wird. 


Frau Grütters, Sie haben erkannt, dass die Kunstszene maximal und flächendeckend von der Corona-Krise betroffen ist und wollen unkonventionelle Lösungen finden, um KünstlerInnen in dieser Zeit zu unterstützen. Sie sehen die schöpferische Kraft von KünstlerInnen, insbesondere in Krisenzeiten und sagten am 24.03.2019 im Feuilleton der FAZ: „Kultur ist kein Standortfaktor und kein Luxus, den man sich nur in guten Zeiten leistet: Kultur ist Ausdruck von Humanität.“ 


Herr Altmaier, Sie wollen Start-ups und junge Unternehmen insbesondere in der Krisenzeit nicht fallen lassen und haben ein milliardenschweres Förderungspaket verabschiedet.


Für Ihr beider Engagement in der Krise möchten wir uns vorerst bedanken. Und trotzdem möchten wir uns heute an Sie wenden, da Sie beide in Folge der COVID-19 Pandemie Wichtiges erkannt haben und doch etwas Wesentliches dazwischen übersehen: Die Bedeutung von innovativen Start-ups aus dem Kunstbereich, die eben keine auf staatliche Förderung ausgelegte Kultur-Institution sind, aber auch nicht ausschließlich technologiegetrieben agieren. 


Wie soll es ohne einen innovativen Kunstmarkt für Künstlerinnen und Künstler in den kommenden Monaten weitergehen? 

Ist die von Frau Grütters angekündigte temporäre Bezuschussung tatsächlich bei den KünstlerInnen angekommen, so ist zumindest ein wichtiger Anfang getan. Voraussichtlich wird aber keine „Kunst-Prämie“ ins Leben gerufen, die sicherstellen kann, dass zumindest etwas Umsatz in diesem Bereich getätigt wird. Schwer vorstellbar ist außerdem, dass in ein paar Monaten das als leider doch immer noch als „Luxusgut“ bekannte Feld der Kunst plötzlich aufblüht und Künstlerinnen und Künstler sich vor Verkäufen nicht retten können.


Was muss passieren?

Mit und ohne Corona Pandemie: der Kunstmarkt braucht digitale und zukunftsfähige Verkaufsplattformen, innovative und zugängliche Lösungen im Bereich der Kunstvermittlung und GründerInnen, deren Anliegen es ist das finanzielle Überleben von KünstlerInnen sicherzustellen. Also mutige Start-ups in der Kreativ- und Kulturszene, die sich zu Gunsten der Künste trauen, Systeme neu zu denken.  


Unser junges Unternehmen, ato.black, ist diesen Schritt gegangen. Nicht erst seit der jetzigen Krise, sondern bereits seit ein paar Jahren arbeiten wir von Karlsruhe, Berlin und London aus an der Erneuerung des Kunstmarktes. Das dabei entstehende Netzwerk und die Plattform, die sowohl online wie auch offline beheimatet ist, etabliert eine neue Form des Zusammenarbeitens innerhalb des Kunstfeldes und schafft faire und transparente Bedingungen für alle AkteurInnen, wie auch ein interdisziplinäres Netzwerk. 


In den letzten Jahren haben wir schnell festgestellt, dass eine langfristige Förderung, die nicht an einzelne Projekte wie z. B. Ausstellungen gebunden ist, für die Gründung eines Unternehmens im Kunstbereich nicht realistisch erscheint. Es ist zudem eine Tatsache, dass InvestorInnen keine Projekte finanzieren, die außerhalb von technologischer Innovation zu verorten sind. Inhaltliche Innovation lassen sich aber schwer mit den Aushängeschildern FinTech, InsurTech, Digital Health oder Mobility schmücken. Vielmehr gilt es sich gegen bestimmte Aussagen zu wehren, wie etwa: „Es werden grundsätzlich zur Zeit nur technologische Innovationen subventioniert, keine inhaltliche Innovation. Macht doch etwas mit VR.“, oder „die Galerie-Welt müsst ihr Denen überlassen, die bereits Geld haben“, oder aber auch „Euer Konzept ist zu fair zu KünstlerInnen und nicht profitabel genug für Euch selbst“. 


Was bedeutet das?

Konkret führen diese Aussagen zu Entmutigung. Wir haben in den letzten Wochen und Monaten ausgiebig recherchiert. Staatliche Förderungen, Stipendien und öffentliche Ausschreibungen sind zu größten Teilen entweder an große, etablierte Institutionen gekoppelt, oder unterstützen direkt den einzelnen Kunstschaffenden, hier allerdings nur für eine kurze Dauer. In Konzepte die sich erst nach einigen Jahren finanziell tragen, wird nicht investiert. Und das, wobei es doch kein Geheimnis ist, dass Deutschland Gründungen im Plattformbereich noch fehlen. Dieses Ergebnis ist nicht weniger entmutigend. 


Was also kann die Bundesregierung tun?

Die Unterstützung von Gründungen mit innovativen Lösungen, die im Kunstbereich ansässig sind, gehen gegen null. Wie möchten Sie aber gewährleisten, dass KünstlerInnen, die einen essentiellen Beitrag für unsere Gesellschaft leisten, während und auch nach der Krise ihrer Arbeit nachgehen können, wenn Sie nicht an Jene denken, die den Verkauf und das Ausstellen der Werke voranbringen und einen zukunftsfähigen Kunstmarkt überhaupt erst ermöglichen? Wäre es nicht Anliegen des Staates, solchen Gründungsvorhaben eine Chance zu geben, indem man ihnen mit ausreichend hohen Förderungssummen unter die Arme greift? Wir denken an staatliche Gründungszuschüsse, die explizit für Kulturschaffende vergeben werden, bei denen die reine Gewinnmaximierung nicht im Vordergrund steht. 


Bis wir eine finale Lösung haben, werden wir weiterhin unseren Teilzeitjobs nachgehen um Geld zu verdienen um hiermit wiederum das Projekt ato.black querzufinanzieren, dass wiederum KünstlerInnen unterstützen möchte. Doch, je nachdem wie zäh die Zeit der Krise wird, die auf uns als junges Gründerteam zukommt; irgendwann kommt der Moment, an dem wir möglicherweise dabei zusehen werden, wie unser visionäres und faires Modell von kapitalstarken und etablierten Spielern vereinnahmt wird.  


Wir bitten Sie hiermit inständig: denken Sie während der Krise an alle AkteurInnen des Kunstfeldes, auch an diejenigen, die den Mut und die Ausdauer beweisen den Künstlerberuf zu unterstützen und daran arbeiten, innovative und zukunftsfähige Konzepte zu entwickeln. 



Wir sehen Ihrer Antwort entgegen und verbleiben mit freundlichen Grüßen




Norina Quinte, Hannah Klein, Adam Gawel und Andreas Hölldorfer


GründerInnen von ato.black (www.ato.black)